Wer regelmäßig an öffentlichen Ausschreibungen teilnimmt, kennt das Problem: Fristen im Blick behalten, Unterlagen zusammenstellen, Angebote kalkulieren, Abgaben koordinieren. Ohne die richtigen Tools wird das schnell chaotisch. Dieser Artikel zeigt, welche Software hilft – und warum Tender Management ein eigener Berufszweig geworden ist.
Warum Software im Vergabegeschäft unverzichtbar ist
Stellen Sie sich vor: Sie beobachten 50 Ausschreibungen gleichzeitig. Jede hat andere Fristen, andere Anforderungen, andere Ansprechpartner. Sie arbeiten an 5 Angeboten parallel. Und nebenbei laufen 3 aktive Projekte aus gewonnenen Aufträgen.
Ohne System versinken Sie im Chaos. Mit der richtigen Software behalten Sie den Überblick.
Was Ausschreibungssoftware leisten sollte
Ausschreibungssuche und Monitoring
Das Problem: Relevante Ausschreibungen finden, bevor es zu spät ist.
Die Lösung: Software, die automatisch nach Ihren Kriterien sucht:
- Nach CPV-Codes
- Nach Regionen
- Nach Auftraggebern
- Nach Stichwörtern
Die besten Tools durchsuchen mehrere Plattformen gleichzeitig – von TED über Landesportale bis zu kommunalen Veröffentlichungen.
Fristenmanagement
Das Problem: Eine verpasste Frist bedeutet Ausschluss. Keine Ausnahmen.
Die Lösung: Automatische Erinnerungen, Kalenderintegration, Übersichten aller anstehenden Termine.
Dokumentenmanagement
Das Problem: Für jedes Angebot brauchen Sie Dutzende Dokumente – Eignungsnachweise, Referenzen, Kalkulationen, Formulare.
Die Lösung: Zentrale Ablage, Versionskontrolle, Wiederverwendung von Standarddokumenten.
Angebotskalkulation
Das Problem: Korrekte Kalkulation ist die Basis jedes Angebots. Fehler kosten Marge – oder den Auftrag.
Die Lösung: Kalkulationstools, die auf Ihre Branche zugeschnitten sind. Besonders im Bau (AVA-Software) etabliert.
Workflow und Zusammenarbeit
Das Problem: An einem Angebot arbeiten oft mehrere Personen – Vertrieb, Fachexperten, Kalkulation, Geschäftsführung.
Die Lösung: Definierte Workflows, Aufgabenzuweisung, Freigabeprozesse.
Kategorien von Software
AVA-Software (Ausschreibung, Vergabe, Abrechnung)
Speziell für das Baugewerbe entwickelt. Diese Programme decken den gesamten Prozess ab:
- Leistungsverzeichnisse erstellen
- Angebote kalkulieren
- Vergaben durchführen (für Auftraggeber)
- Abrechnungen erstellen
Bekannte Lösungen: ORCA AVA, California, ARRIBA, iTWO
Tender-Management-Plattformen
Umfassende Lösungen für das gesamte Ausschreibungsmanagement:
- Ausschreibungsrecherche
- Angebotsmanagement
- Fristenüberwachung
- Reporting und Analyse
Diese Tools sind branchenunabhängig und richten sich an Unternehmen, die regelmäßig an Vergaben teilnehmen.
Spezialisierte Such-Tools
Reine Recherchetools, die Ausschreibungen aus verschiedenen Quellen aggregieren. Sie lösen ein Problem: nicht alle Plattformen manuell durchsuchen zu müssen.
CRM mit Vergabe-Fokus
Customer-Relationship-Management angepasst für den öffentlichen Sektor:
- Kontakte zu Vergabestellen pflegen
- Historie von Bewerbungen dokumentieren
- Pipeline-Management für laufende Ausschreibungen
Worauf Sie bei der Auswahl achten sollten
1. Passend zu Ihrer Branche
AVA-Software ist perfekt für Bauunternehmen – aber nutzlos für IT-Dienstleister. Wählen Sie ein Tool, das Ihre Arbeitsweise unterstützt.
2. Integration mit Vergabeplattformen
Die Software sollte mit den Plattformen kommunizieren können, die Sie nutzen. Ideal: direkter Import von Ausschreibungsdaten.
3. Benutzerfreundlichkeit
Das beste Tool nützt nichts, wenn niemand es benutzt. Achten Sie auf intuitive Bedienung und guten Support.
4. Skalierbarkeit
Heute bearbeiten Sie 10 Angebote pro Jahr, morgen vielleicht 100. Die Software sollte mitwachsen können.
5. Kosten-Nutzen-Verhältnis
Rechnen Sie: Was kostet eine verpasste Frist? Was kostet ineffiziente Recherche? Dagegen stehen die Softwarekosten.
Kostenlose vs. kostenpflichtige Lösungen
Kostenlose Optionen
- Excel/Sheets: Für den Anfang kann eine gut strukturierte Tabelle reichen
- Kalender-Apps: Für Fristenmanagement
- Kostenlose Basisfunktionen der Vergabeplattformen
Grenzen: Bei wachsendem Volumen stößt man schnell an Grenzen. Manuelle Prozesse sind fehleranfällig.
Kostenpflichtige Lösungen
- Cloud-basierte Plattformen: Monatliche oder jährliche Gebühren
- Lizenzmodelle: Einmalzahlung plus Wartung
- Nach Nutzung: Kosten pro Ausschreibung oder Nutzer
Wann lohnt sich die Investition? Sobald Sie mehr als 10-20 Ausschreibungen pro Jahr bearbeiten, rechnet sich professionelle Software meist schnell.
Der Mensch hinter der Software: Tender Management als Beruf
Mit der Professionalisierung des Vergabegeschäfts ist ein eigener Berufsweg entstanden: der Tender Manager.
Was macht ein Tender Manager?
- Identifiziert relevante Ausschreibungen
- Koordiniert die Angebotserstellung
- Stellt sicher, dass Fristen und Formalia eingehalten werden
- Kommuniziert mit Auftraggebern (Bieterfragen)
- Analysiert gewonnene und verlorene Angebote
- Optimiert Prozesse
Wo arbeiten Tender Manager?
- In Unternehmen: Als Teil von Vertrieb, Business Development oder eigener Abteilung
- In Beratungen: Als externe Unterstützung für Unternehmen
- Bei Auftraggebern: In Vergabestellen (andere Seite des Tisches)
Welche Qualifikationen braucht man?
- Kaufmännisches Verständnis: Kalkulation, Vertragsrecht
- Organisationstalent: Viele parallele Projekte koordinieren
- Kommunikationsstärke: Intern und extern
- Vergaberechtskenntnisse: VOB, VGV, UVGO verstehen
- Branchenwissen: Je nach Arbeitgeber
Karrierepfade
Einstieg: Oft als Sachbearbeiter oder Junior-Position im Vertrieb/Angebotswesen
Entwicklung: Tender Manager → Senior Tender Manager → Head of Tender Management
Alternativen: Wechsel auf die Auftraggeberseite (Vergabestelle) oder in die Beratung
Der Arbeitsmarkt
Tender Manager Jobs sind gefragt. Die Digitalisierung und zunehmende Komplexität des Vergaberechts treiben die Nachfrage. Besonders in Branchen mit hohem öffentlichen Auftragsanteil (Bau, IT, Beratung) werden Spezialisten gesucht.
Die Zukunft: KI im Vergabemanagement
Künstliche Intelligenz hält Einzug ins Tender Management:
- Automatische Klassifizierung von Ausschreibungen
- Matching zwischen Unternehmenprofil und Ausschreibungen
- Textgenerierung für Standardpassagen in Angeboten
- Analyse von Vergabeentscheidungen und Wettbewerbern
Die Technologie ist noch jung, aber die Entwicklung ist rasant. Wer früh damit arbeitet, verschafft sich Vorteile.
Praktische Tipps für den Einstieg
Wenn Sie gerade anfangen
- Starten Sie einfach: Excel-Tabelle für Ausschreibungen, Kalender für Fristen
- Dokumentieren Sie alles: Was funktioniert? Was nicht?
- Identifizieren Sie Schmerzpunkte: Wo verlieren Sie Zeit? Wo passieren Fehler?
- Evaluieren Sie Software: Nutzen Sie Testversionen, bevor Sie kaufen
Wenn Sie wachsen
- Investieren Sie in ein professionelles Tool: Die Zeit für manuelle Prozesse wird zu teuer
- Definieren Sie Prozesse: Wer macht was wann?
- Messen Sie Erfolg: Win-Rate, Time-to-Submission, Kosten pro Angebot
- Lernen Sie aus Verlusten: Warum haben Sie nicht gewonnen?
Fazit: Tools sind Mittel zum Zweck
Die beste Software ersetzt kein gutes Angebot. Aber sie hilft Ihnen, mehr gute Angebote zu erstellen – schneller, fehlerfreier, systematischer.
Investieren Sie in die richtigen Werkzeuge. Und wenn Ihr Vergabegeschäft wächst: Investieren Sie in die richtigen Menschen. Tender Management ist ein Handwerk, das man lernen kann – und das sich auszahlt.
Mit diesem Artikel endet unsere Serie zum deutschen Vergaberecht und der erfolgreichen Teilnahme an öffentlichen Ausschreibungen. Sie haben jetzt das Fundament: Von den Gesetzen über die Plattformen, Schwellenwerte und Verfahren bis zu Auftraggebern, Regionen, Branchen und Tools. Der Rest ist Praxis. Viel Erfolg!
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